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Nachhaltigkeit

Catch & Release - richtig machen oder lassen

C&R ist kein moralisches Upgrade. Es ist eine Technik - und wie jede Technik kann man sie richtig oder falsch anwenden. Hier gibt es keine Schönfärberei.

Klartext vorweg: Ein Fisch, der drei Minuten aus dem Wasser hängt, damit jemand ein Foto machen kann, ist physiologisch schwer gestresst. Er schwimmt davon - und stirbt Stunden später. Man sieht es nur nicht. Wer das als "Catch & Release" bezeichnet, belügt sich selbst und schadet dem Bestand.

Was ist Catch & Release?

Catch & Release bezeichnet das bewusste Zurücksetzen von Fischen nach dem Fang. Der Begriff stammt aus dem amerikanischen Sportfischen und wurde in den 1950er-Jahren systematisch eingeführt, um Trophäenbestände zu schützen.

In Deutschland ist C&R ein umstrittenes Thema - das Tierschutzgesetz verbietet das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund. Nach herrschender Rechtslage ist C&R in Deutschland grundsätzlich erlaubt, solange es kein Selbstzweck ist (§ 1 TierSchG). Wer einen Fisch fängt und ihn zurücksetzt, weil er sein Kontingent ausgeschöpft hat oder die Schonmaße betroffen sind, hat einen vernünftigen Grund.

Wann C&R dem Bestand wirklich nützt

C&R ist nicht per se gut oder schlecht. Es gibt klare Situationen, in denen das Zurücksetzen biologisch sinnvoll ist:

Fisch unterhalb des Mindestmaßes

Pflicht. Ein Fisch, der das gesetzliche Mindestmaß nicht erreicht, wird immer zurückgesetzt. Das ist keine Frage der Philosophie.

Schonzeit

In der Schonzeit gefangene Fische müssen zurückgesetzt werden - schonend und so schnell wie möglich.

Tageslimit erreicht

Wenn das vereinsinterne oder gesetzliche Tageslimit ausgeschöpft ist und ein weiterer Fisch beißt, kommt er zurück.

Trophäenfisch mit Bestandswert

Ein alter Hecht von 1,20 m hat Jahrzehnte in einem Revier gelebt und ist genetisch wertvoll. Ihn einzunehmen, obwohl man das Fleisch nicht braucht oder verwerten kann, ist schlechtes Wirtschaften.

Gezielte Zuchtlinie erhalten

In kleinen Forellengewässern kann es sinnvoll sein, bestimmte Laicheltern zurückzusetzen, um die natürliche Reproduktion zu fördern.

Wann C&R Fische langsam tötet

Hier wird es unbequem. Es gibt gut dokumentierte Szenarien, in denen C&R - auch gut gemeint - zum Tod des Fisches führt:

Hohe Wassertemperaturen

Bei Temperaturen über 20 °C ist der gelöste Sauerstoffgehalt im Wasser drastisch reduziert. Ein Fisch, der beim Drill und beim Herausnehmen bereits an seine Grenzen kommt, erholt sich in zu warmem Wasser nicht mehr vollständig. Studien zeigen, dass Sterblichkeitsraten bei Bachforellen nach C&R bei >20 °C auf 30-40 % steigen können - auch wenn der Fisch beim Zurücksetzen "weggeschwommen" ist.

Zu lange Drillzeit oder Erschöpfung

Beim Drill produziert ein Fisch Laktat (Milchsäure) im Muskelgewebe - dasselbe passiert beim Menschen bei intensivem Sport. Übermäßige Erschöpfung kann zur Azidose führen, die Stunden später zum Tod führt. Ultraleichtes Gerät, das einen Drill auf 20 Minuten ausdehnt, klingt sportlich - für den Fisch ist es Qual.

Zu lange aus dem Wasser

Die 30-Sekunden-Regel ist keine Empfehlung - sie ist eine Obergrenze. Jede Sekunde über Wasser ist Stress auf Stress. Ein Fisch kann nicht atmen. Er kämpft. Sein Herzschlag explodiert. Fotos mit dem Fisch schön in Position halten, Sonne im Gesicht - das überlebt nicht jeder.

Verletzungen durch Haken und Handling

Drilling-Haken im Kiemenbereich, tiefgeschluckte Einzelhaken, Drücken des Fisches zu fest an den Flanken - alles das verursacht innere Verletzungen, die ein freigelassener Fisch nicht zeigt, aber trotzdem hat. Infektionen folgen Tage später.

Die richtige Technik - wenn ihr es macht

Wer C&R betreibt, trägt die Verantwortung, es so zu tun, dass der Fisch eine realistische Überlebenschance hat. Diese Punkte sind nicht verhandelbar:

01

Barbless oder Widerhaken plattdrücken

Widerhakenlose Haken (barbless) lassen sich in Sekunden entnehmen. Das reduziert Verletzungen und die Zeit außerhalb des Wassers drastisch. Kein Ersatz für normale Haken - es ist eine andere Hakenkategorie.

02

Nasses Kescher-Netz aus Gummi oder Nylon

Kein trockenes Netz, kein Kescher mit Metallrahmen ohne Netz-Puffer. Das Netz reißt die Schleimhaut auf. Gummi- oder Nylon-Netze sind Standard.

03

30 Sekunden außerhalb des Wassers - absolutes Maximum

Wenn ihr ein Foto braucht: Kamera bereithalten, Fisch aus Wasser, Foto, Fisch zurück. Keine Nachkorrektur des Bildausschnitts, kein zweites Foto.

04

Nasse Hände oder gar nicht anfassen

Trockene Hände entfernen die Schleimschicht, die den Fisch vor Pilz- und Bakterieninfektionen schützt. Kurz die Hände ins Wasser, dann anfassen.

05

Fisch im Wasser aushalten lassen

Nicht einfach zurückwerfen. Den Fisch waagerecht im Wasser halten, bis er aus eigener Kraft davonschwimmt. Wenn er nach 30 Sekunden noch kippt: weiter halten und beobachten.

06

Bei > 20 °C Wassertemperatur überdenken

Im Hochsommer lieber auf stark erschöpfende Methoden verzichten oder akzeptieren, dass der Fisch möglicherweise entnommen werden muss, wenn er sich nicht erholt.

Die Alternative: Fang & Iss

Das sagt niemand laut genug: Wer einen Fisch fängt, ihn waidgerecht tötet und kocht, macht alles richtig. Wirklich alles. Er entnimmt ein Tier, das er nutzt. Das ist das Gegenteil von Ressourcenverschwendung.

Ein schlecht durchgeführtes C&R, das den Fisch Stunden später sterben lässt, ist schlechter als der Angler, der seinen Karpfen mitnimmt und abends Karpfen blau kocht. Beim ersteren ist der Fisch tot und nutzlos. Beim letzteren ist der Fisch tot und war ein gutes Abendessen.

Das ist keine Einladung zur Überentnahme. Mindestmaße, Schonzeiten und Tageslimits gelten immer. Aber innerhalb dieser Regeln: Schämt euch nicht, einen Fisch mitzunehmen, wenn ihr ihn verwerten werdet.

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